Autor: C. Rummel
Kurs: Whilelm Hauffs Kunstmärchen
Dozent: R. Kalkofen
Datum: 26.09.1994
Universität Konstanz
Semester: SS 94
Imitation oder Parodie
Wilhelm Hauff wurde am 29. November 1802, 31 Jahre nach Carl Heun, in Stuttgart geboren. Nach einem Theologiestudium und seiner Promovierung zum Doktor der Philosophie arbeitete er in Anstellungen als Hauslehrer und als Redakteur für das Morgenblatt für gebildete Stände und unternahm längere Reisen durch Frankreich, die Niederlande und Deutschland. Am 18. November 1827, ebenfalls in Stuttgart, starb er nach einer kurzen Krankheit. Bekannt wurde er mit dem hier behandelten Werk Der Mann im Mond und der Kontroverspredigt über H. Clauren und den Mann im Monde gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827. Selbst in der sehr kurzen Zeit von drei Jahren bis zu seinem Tod schrieb und veröffentlichte Hauff außerordentlich viele Märchen und Romane; darunter auch den historischen Roman Lichtenstein.
Der preußische Soldat Wilhelm reist durch die Schweiz und begegnet auf einer Alm dem jungen Mädchen Wilhelmine, genannt Mimili. Er ist sehr von ihr angetan und aus Gastfreundschaft nimmt sie ihn mit zu ihrem Vater ins Tal, um bei ihnen zu übernachten. Aus einer Übernachtung werden neun, und Wilhelm und Mimili verbringen die ganze Zeit, tagein, tagaus, miteinander. Sie reiten aus, unternehmen Wanderungen und liegen in der schönsten Umgebung in der Sonne zum Picknick. Mimili gibt Kostproben ihres Könnens am Flügel und beeindruckt Wilhelm auf den Wanderungen mit ihrem großen botanischen Wissen. Wilhelm verliebt sich in Mimili und kann nachts im Raum neben Mimilis Schlafzimmer nur unter größter Zurückhaltung sein eigenes Verlangen unterdrücken, sie nicht zu bedrängen und auch an den Tagen danach nicht zu zutraulich zu werden. Er hält bei Mimilis Vater um deren Hand an und bekommt von diesem, der über dieses Ansinnen nicht erfreut ist, auferlegt, erst ein Probejahr verstreichen zu lassen, um die Ernsthaftigkeit der Liebe zu beweisen. Der Kontakt zwischen den beiden wird brieflich aufrechterhalten, bis Nachricht in der Schweiz eintrifft, daß Wilhelm auf dem Schlachtfeld verschollen sei. Aus Trauer darüber stirbt Mimili fast, doch die Handlung nimmt eine Wendung und Wilhelm, der doch nur schwer verwundet war, kehrt zu Mimili zurück. Nach der Heirat werden die Leser in den o. g. Fortsetzungen von einen Freund der Liebenden über deren weiteres Leben und geborene Kinder benachrichtigt.
Wilhelm Hauffs Der Mann im Mond erschien im Jahre 1825, jedoch nicht unter Hauffs eigenem Namen, sondern unter Carl Heuns Pseudonym H. Clauren.
Ida, die Tochter des Präsidenten der Kleinstadt Freilingen, kehrt nach Beendigung ihrer Erziehung aus der
Residenzstadt in ihre Heimatstadt zurück. Am selben Abend noch, auf einem festlichen Ball, auf dem sie
schöner als alle anderen Damen aussieht und die Herren beeindruckt, erblickt sie den Polen Emil Graf Martiniz.
Er lehnt alleine an einer Säule und ist niemandem bekannt, erscheint Ida aber attraktiv und geheimnisvoll. Sie
tanzt mit ihm und ein Blick in seine Augen läßt sie dahinschmelzen. Sie hat sich hoffnungslos in den jungen
Adeligen verliebt. Dieser zieht nun in den Gasthof "Zum goldenen Mond" ein, der dem Präsidentenpalast genau
gegenüberliegt . In letzterem treffen die beiden sich auch zum Tee wieder. Doch über Martiniz sind bald
mysteriöse Gerüchte im Umlauf. Er suche jede Nacht um Mitternacht die Kirche auf und es geschähen
dort seltsame Dinge. Ida erfährt über Umwege den Grund für jenes Verhaltens und woran ihr Angebeteter
so schrecklich leidet. Sie ist auch in der Lage den Fluch, der über Martiniz liegt, zu brechen. Die beiden sehen sich
immer öfter, Martiniz lauscht ihrem virtuosen Flügel- und Gitarrenspiel und erhält von ihr Auskunft
über Blumen, deren Namen er nicht kennt. Gerade jetzt erscheint mit einer lauten Kutsche die Gräfin Aarstein,
die auch ein Auge auf Graf Martiniz geworfen hat. Mit Hilfe von Dritten aus Freilingen und der Residenz wird ein
Intrigenspiel entworfen, das, genau wie geplant, Ida und Emil vor Eifersucht auseinandertreibt, Ida in Verzweiflung
stürzt und in Emil Interesse an Gräfin Aarstein weckt. Doch dank des plötzlichen Auftauchens und
der Vermittlung eines alten Freundes der Familie des jungen Grafen kommen die Liebenden, nachdem sich Martiniz
mit dem Offizier Sporeneck erfolgreich duelliert hatte, wieder zusammen. Die geplante Hochzeit findet Idas Vaters
Zustimmung, und der Ball und der Hochzeitsschmaus werden festlich. Vom Freund der Familie bekommen sie ein
Schloß zur Vermählung geschenkt, in das die beiden umziehen, bevor sie glücklich in die Flitterwochen
fahren. Im Nachwort beteuert Clauren, Ida und Emil in der Residenz getroffen zu haben, und mit ihnen Wilhelm und
Mimili und viele andere Liebespaare aus Claurens Geschichten; und alle feierten zusammen ausgelassen das Treffen.
Im Vergleich ist es sogar interessanter Hauffs Roman Der Mann im Mond mit allen von Clauren geschriebenen Erzählungen zu vergleichen.
Zuerst einmal lassen sich schon zwischen den Büchern Claurens Parallelen finden. Denn nachdem Carl Heun mit der Veröffentlichung der 5 Teile von Mimili solchen Erfolg gehabt hatte schrieb er seine nächsten Geschichten in einer sehr ähnlichen Art, um an diesen Erfolg anzuknüpfen. Er legte sich ein Schema zu, nach dem seine Geschichten abzulaufen hatten und hatte damit auch den gewünschten Erfolg. So entstand der Ausdruck "Mimili-Manier", der auf die Ähnlichkeit all dieser Werke zu dem ersten anspielt.
Dieser schematische Aufbau der Romane Claurens machte es Hauff möglich, dessen Stil getreu zu kopieren und selber Der Mann im Mond zu schreiben und ihn unter Heuns Pseudonym Clauren zu veröffentlichen. Warum er dies tat soll später eingehender untersucht werden. Dieser "neue" Clauren verkaufte sich nach Erscheinen jedenfalls sehr gut, und schon bald waren Presse und Kritik einhellig der Meinung, daß Clauren sich, wenn das überhaupt möglich sei, selbst übertroffen habe und es sich bei Der Mann im Mond um "den besten Clauren aller Zeiten" handele.
Um Hauffs Vorgehen besser verstehen zu können, zunächst eine nähere Betrachtung der
Arbeitsweisen der beiden Schriftsteller.
So wechselte er im ersten Teil seiner Erzählung plötzlich ganz unvermittelt die Darstellungsweise der Handlung. Nachdem die Erzählung bis dahin szenisch-episch angelegt war, gibt er auf einmal den Ich-Erzähler auf und geht zu einer chronikalisch-berichtenden Erzählweise über. Er läßt nun einen Freund der Hauptperson Wilhelm weitererzählen.
Die Tatsache, daß Clauren seinen Roman Mimili in zeitlichen Abständen als Fortsetzungsroman veröffentlicht hat, und der Ablauf der Handlung in diesen Fortsetzungen lassen darauf schließen, daß Carl Heun erst die Rezeption seines Werkes hatte abwarten wollen, um dann, sich danach richtend, die Handlung fortzuführen. Er machte bei seiner Arbeit als Autor offensichtlich Zugeständnisse an Leserwünsche, sicher auch auf finanzielle Erfolge spekulierend und nicht nur um das Erwartungen der Leser bestmöglich zu befriedigen.
Wenn man nun die Romane Claurens, die nach Mimili folgten, vergleicht, so kristallisieren sich die typischen Merkmale seiner Charaktere und Handlungsabläufe heraus.
Seine weiblichen Hauptpersonen weisen immer eine entfesselte Lockenpracht oder Zöpfe bis zum Knie auf. Ihre Haut gleicht Alabaster und ihre Busen Schneehügeln. Sie haben sowohl einen Schwanenhals, wie auch eine Schwanenbrust, schöne Hüften, weiße Knie und wohlgeformte Wädchen. Immer wieder blickt man in funkelnde Sternenaugen über einem Kußmund. Und zur Charakterisierung der moralischen und intellektuellen Qualitäten seiner Heldinnen benutzt Clauren fast ausschließlich quantitative Merkmale. Mimili hat er z. B. ein nahezu enzyklopädisches Wissen gegeben. Nicht nur, wie schon erwähnt, auf dem Gebiet der Botanik (Mimili, S.21, 24, 36), sondern auch in Geographie (S.23, 36), Musik (S.41, 36), klassischer Literatur (S.35), der Malerei (S.17, 35) und in Fremdsprachen (S.22). Diese vielfach ausgestellten Kenntnisnacgweise sollten vermutlich auch den intellektuellen Leser legitimieren, Mimili neben anderer Lektüre zu akzeptieren.
Seine Männer sind allesamt groß, kräftig und männlich. Schwarze Rabenlocken krönen ihr Haupt, sie haben einen schwindsüchtigen Teint, der sie nur interessanter macht und sind stolz, edel und großmütig. Sie erliegen sofort den Reizen der weiblichen Hauptfigur und haben ein starkes sexuelles Verlangen nach ihr, das sie aber nach Kräften und mit sich selber ringend unterdrücken und für die Ehe bewahren.
Die Handlung wird in jedem von Claurens Romanen schicksalhaft und fast tragisch, wendet sich dann aber doch immer noch zum Guten und führt in jedem Fall zu einer Hochzeit und damit zum Happy-End. Hauff vergleicht dies in seiner Kontroverspredigt mit bitteren Mandeln, die einen süßen Kuchen würzen und ihn so um so angenehmer und erfreulicher machen.
"Je greulicher der Schmerz des Liebespaares ist, von welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. [...] Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto rührender kommt es euch vor, [...]."
Auch Claurens Naturschilderungen sind stereotyper Art. Sie zeichnen sich vor allem durch Aneinanderreihungen von verschönernden Epitheta, wie rein, lieblich, sanft, heiter, fröhlich, anmutsvoll, still, heimlich, mild, zärtlich und hold aus.
"Das unverfälscht Ländliche wird so aufgeputzt, daß der naive Leser jubelt, wie doch die Natur im Allgemeinen so schön sei."
Überhaupt ist die Häufung polarer Reizwörter in den Werken Claurens typisch. So benutzt er oft zum
Beschreiben von Personen oder Eigenschaften Superlative, z. B. wie keuscheste und süßeste, um damit
die Qualität des Beschriebenen zu unterstreichen.
Das Ergebnis seiner Arbeit war so perfekt, daß die Kritik, wie oben schon erwähnt, Der Mann im Mond innerhalb kürzester Zeit zum besten Clauren aller Zeiten erklärte und der Roman sich bestens auf dem Buchmarkt verkaufte.
Um die Anlehnung Hauffs an Motive, Handlungen und Figuren aus Claurens Romanen zu zeigen, hier eine
Aufzählung einiger Parallelen.
Bei Hauff zieht der unbekannte Fremde in das Gasthaus "Zum Goldenen Mond" ein, der auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber dem Präsidentenpalast liegt. Clauren schrieb einst ein Lustspiel namens Das Gasthaus zur Goldenen Sonne, von dessen Titel sich Hauff bei der Wahl der Namengebung dieses Gasthofes augenscheinlich hat inspirieren lassen.
Hauffs Ida malt auf einem Dessertteller die Buchstaben "Mart...", für ihren geliebten Grafen Martiniz, in die nach der Mahlzeit auf dem Teller verbliebene Sauce. Bei Clauren ritzt eine Verliebte, selbstvergessen träumend, mit einem Brillanten "M...z" für Molwitz, wie ihr Angebeteter heißt, in eine Fensterscheibe.
In Claurens Roman Kartoffeln in der Schale ist die männliche Hauptperson ebenfalls, wie Hauffs Emil Martiniz, ein polnischer Graf, dessen Kammerdiener wiederum Wawrzyniec heißt. Ähnlich unaussprechlich, Brktzwisl nämlich, nannte Hauff Martiniz' Kammerdiener.
Doch hat sich Hauff nicht nur mit seinem Roman Der Mann im Mond Anleihen bei Clauren gemacht, die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Erwähnt seien hier nur Hauffs Novelle Die Sängerin und Claurens Roman Christpüppchen.
Bei Hauff weisen die weiblichen Hauptfiguren dieselben Qualitäten wie die Claurens auf. So haben alle einen bleichen Teint, eine Haut wie Lilienschnee, ein Amorettenköpfchen, leuchtende, funkelnde Sternenaugen. Ihre Zähne sind wie wie Perlenschnüre, und sie haben Korallenlippen, lange schwarze Locken, einen schlanken Schwanenhals, eine weiße Schwanenbrust, Rosenfinger und feine Wädchen. Sie sind allesamt sehr in Botanik bewandert und geizen nicht mit ihrem Wissen und lateinischen Fachtermini aus diesem Gebiet. Auch sie sind virtuos an Klavier und Gitarre und spielen ihre Instrumente mit derselben leidenschaftlichen Hingabe, wie die Charaktere Claurens. Sie verkörpern eine Mischung aus hoch gebildeten, dennoch aber unheimlich naiven Mädchen. Sie sind selbst Fremden gegenüber, die sie noch nie zuvor gesehen haben, sofort zutraulich.
Doch hier fangen Hauff und Clauren an, sich zu unterscheiden.
Bei Clauren werden Blicke auf die Wädchen der jungen Mädchen beschrieben. Hier und da wird sogar ein Busentuch gelupft oder der Wind gestattet einen kurzen Blick unter den Rocksaum.
"[...] lebendiger noch wogte ihr Busen unter dem dichtaufliegenden Batist-Hemdchen."
Hauff schreibt zwar auch sehr reizend und beschreibt mit gewählten Worten das Aussehen und die Formen seiner Akteurinnen. Doch bei ihm bleibt es bei Blicken und Küssen. Er läßt die Situationen nicht so intim werden wie Clauren, der z. B. seinen Wilhelm von lauen Lüftchen beschwingt an Mimilis Kleidern herumzunesteln anfangen läßt. Trotzdem vermag es auch Hauff eine Atmosphäre zu schaffen, die einen die prickelnde Stimmung zwischen den Liebenden nachempfinden läßt.
Clauren will den Leser anregen, und dieser kann seiner Phantasie freien Lauf lassen. Mit derartigen physiognomischen und anatomischen Details dokumentiert er die starke erotische Anziehungskraft der Mädchen, der zu widerstehen der Held selbst unter Aufbietung aller moralischer Anstrengungen kaum in der Lage zu sein scheint. Es könnte alles passieren, aber im letzten Moment läßt er die Helden dann doch immer entsagungsvoll verzichten.
Hauffs Held hat es leichter. Er hat sich gänzlich unter Kontrolle und wird erst gar nicht so in Versuchung geführt, wie es ihm vielleicht in einem Roman Claurens hätte geschehen können.
Einerseits gleichen sich Hauffs Der Mann im Mond und Claurens andere Romane so sehr, daß die Veröffentlichung unter falschem Namen 1825 nicht auffiel, andererseits aber unterscheiden sie sich doch erheblich. Claurens Romane wurden, im weiteren Sinne zumindest, damals sogar zu der erotischen Literatur gerechnet, so fehlen bei Hauff diese erotischen Stellen gänzlich.
Wäre diese offensichtliche Differenz nicht, so könnte man einfach vermuten, daß Hauff eine Imitation
Claurens verfaßt hat. So aber, mit derartigen inhaltlichen Unterschieden, ein pikantes Thema betreffend, zu einer
noch recht prüden Zeit, muß man näher untersuchen, was sich Hauff dabei gedacht hat, Claurens Stil
nicht exakt zu kopieren, und was er damit hatte bezwecken wollen.
Hauff selber behauptete, daß er mit seinem Der Mann im Mond von Anfang an eine Parodie habe schreiben wollen, aus moralischen Zwecken, um das Publikum von seiner Clauren-Sucht zu heilen und somit den durch Trivialliteratur verursachten Schaden so klein wie möglich zu halten.
Ein mit ihm befreundeter Redakteur, Wolfgang Menzel aus Stuttgart, erzählte nach Hauffs Tod, daß jener Clauren eigentlich bewundert habe, und er habe wegen all zu großer Stilähnlichkeiten des Der Mann im Mond-Manuskriptes mit Claurens Werken Hauff dazu raten müssen, durch Übertreibungen eine Parodie aus seinem Roman zu machen.
Andere böse Zungen behaupten sogar, Hauff habe Clauren absichtlich kopieren und somit fälschen wollen, so daß sein Verleger Frankh und er selbst von der Leserschaft dieses sich gut verkaufenden Autors finanziell profitierten konnten.
Wenn man in Betracht zieht, daß Hauff später, nachdem ihn Clauren angezeigt hat und Hauff und sein Verleger Frankh verurteilt worden sind, worauf später noch eingegangen werden soll, immer noch Motive und Ideen von Clauren übernahm. Wie schon erwähnt weisen seine Novellen Othello und Die Sängerin eindeutige Ähnlichkeiten mit Claurens Roman Christpüppchen auf. Und Claurens Erzählung Der Grünmantel von Venedig diente ganz eindeutig als Vorlage für Das Märchen von der abgeschlagenen Hand in seinem ersten Märchenalmanach. Aber all diese Anleihen verschwieg Hauff. Aufgrund dessen und der Entstehungsgeschichte von Der Mann im Mond kann man sicher behaupten, daß Hauff Clauren zumindest bewundert hat.
Wenn man von dem Originalmanuskript Hauffs ausgeht, das zumindest 1933, als H. H. Houben seinen Aufsatz verfaßte, noch existierte, so enthält dieses eindeutig korrigierte Stellen, an denen eine parodistische Wirkung verstärkt wurde.
Man kann Der Mann im Mond zweifelsfrei als Parodie verstehen, dazu weist er genug Überzeichnungen und allzu typische Merkmale der Vorlagen auf. Dennoch hatte Hauff diese satirischen Akzente, die über die Imitation Claurens hinausgehen, so behutsam gesetzt, daß sich die Leserschaft, die ja im Glauben war, einen echten Clauren in der Hand zu halten, nicht von ihnen irritieren ließ. Sie sind so schwach, daß sie unter Umständen, je nach Erwartung und Tendenz des Lesers, überhaupt nicht auffallen.
Der Grund dafür, daß sich Der Mann im Mond eher wie eine verliebt-satirische Nachahmung und nicht wie eine reine Parodie liest, ist die Tatsache, daß die Romane Claurens zu einer Art von Romanen gehört, die in ihrem Stil nicht mehr weiter steigerbar sind. Als Beispiel erwähnt seien nur die rührseligen und tragischen Stellen und die übertriebenen Natur- und Speiseschilderungen. Hauff hätte seine Helden die unwahrscheinlichsten Situationen durchleben lassen können. In den Vorlagen aber ist auch das Unwahrscheinlichste möglich und somit fällt Hauffs parodistische Absicht nicht mehr auf. In dem schon angesprochenen Prozeß führte Hauff als eindeutigen Beweis dafür, daß sein Roman eine Parodie sei, das Nachwort zu Der Mann im Mond an, in dem Clauren angeblich auf die unterschiedlichsten Claurencharaktere und Wilhelm und Ida trifft. Hier würde seine Absicht deutlich werden, verteidigte sich Hauff, wogegen man ihm vorhielt, daß nichts so unwahrscheinlich wäre, als daß es bei Clauren nicht möglich wäre.
Letztendlich wird man es nie eindeutig entscheiden können, mit welcher Intention Hauff Der Mann im Mond nun geschrieben hat. Auch wenn ihm das Schreiben und Imitieren von Clauren viel Spaß bereitet haben mag, dafür spricht das Ergebnis, und sein Verleger Frankh finanziell von dem Verkauf des Romanes profitierte, woraus man auf ein berechnendes, habgieriges Fälschen schließen könnte, so spricht doch die Mehrzahl der Tatsachen, dafür, daß Der Mann im Mond von Anfang an nicht ernst gemeint war. Dafür stehen die Existenz des eindeutig satirische Züge tragenden Manuskriptes und Hauffs eigene Aussage. Die Äußerung seines Freundes Menzel, daß die Parodie seine Idee gewesen wäre, wird nur an früherer Stelle überliefert, später nicht mehr,
Ebenfalls für die Parodie-Theorie sprechen zwei in Der Mann im Mond enthaltene Fehler. Zum einen beschreibt Hauff an einer Stelle das dreigestrichene C als den tiefsten Ton, den ein Mensch von sich geben kann. Das ist falsch, denn das dreigestrichene C ist der höchste Ton, den ein Mensch von sich geben kann. An einer anderen Stelle läßt er seine Ida Madeira und Xeres trinken, da der Hofrat ihr keine schweren Weine geben will. Madeira und Xeres sind aber selber schwere Weine. Bei beiden Fehlern handelt es sich um Sachverhalte, die für einen Autor, sei es durch Fragen oder Nachschlagen, eigentlich leicht nachprüfbar sein sollten. Sollten sie wirklich durch jede Korrektur gerutscht sein, wenn sie nicht vielleicht Absicht sind?
Es steht hier Aussage gegen Aussage, und beide Theorien, die Kopie und die Parodie, sind durchaus plausibel.
Selbst wenn Der Mann im Mond von Hauff ursprünglich als Kopie geplant gewesen sein sollte, veröffentlicht
worden, und das kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, ist der Roman, wie sich z. B. aus den
Änderungen im Manuskript schließen läßt, als Parodie.
Hauffs Verleger Frankh wurde vom Esslinger Gerichtshof dazu verurteilt, 50 Taler Strafe zu zahlen, die
Prozeßkosten zu tragen und allen enttäuschten Lesern den Kaufpreis des Romanes
zurückzuerstatten. Alles in allem soll Frankh einen Schaden von über 1000 Talern gehabt haben.
Heun hatte seinen Prozeß nun zwar gewonnen, die Strafe, die Hauff und Frankh aber traf, war nicht allzu
hoch. Denn wer war schon vom "besten Clauren aller Zeiten" enttäuscht und wollte das Buch
zurückgeben? Trotzdem war Hauffs Ruf durch die Verbindung mit einem Plagiatsprozeß angekratzt
und er als Fälscher, der um des Profites Willen unter unerlaubtem Namen veröffentlicht hatte, bekannt.
Das konnte Hauff so nicht auf sich sitzen lassen, hatte er ja auch mit einem gänzlich anderen Ausgang des
Prozesses gerechnet. Er machte den nächsten Schritt und verfaßte zu seiner Rechtfertigung im Herbst
1826, offiziell zur Herbstmesse 1827 veröffentlicht, die Kontroverspredigt über H. Clauren und den
Mann im Monde gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827.
So beginnt die Kontroverspredigt über H. Clauren und den Mann im Monde gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827. Hauff erklärt hier gleich selber, was für eine Aufgabe diese 'Äußerung über eine Streitfrage' hat. Hauff hatte ja Der Mann im Mond, so behauptete er, als Parodie verfaßt, um der begeisterten Leserschaft Claurens die Augen hinsichtlich dessen niedrigen ästhetischen und moralischen Niveaus zu öffnen. Durch das Urteil des Esslinger Gerichtshofes aber drohte sein Anliegen in den Hintergrund gedrängt zu werden und somit in Vergessenheit zu geraten. Hauff mußte also vortreten und zum Angriff übergehen. Als studierter Theologe wählte er dazu die Form der Kanzelpredigt, in der er alleine seine Meinung den Zuhörern deduziert und so deutlich wie nur möglich darlegt, um jetzt unmißverständlich seinen Standpunkt klarzumachen und seinen Namen wieder in ein gutes Licht zu rücken.
Dies alles ist sozusagen zu Hauffs Glück passiert, denn im direkten Vergleich hätte Hauffs Roman seine aufklärerische Wirkung gar nicht entfalten können. Erst durch das gerichtliche Zwischenspiel und die Kontroverspredigt gewann der Roman die gewünschte Aufmerksamkeit und führte zu Hauffs Ziel.
Gleichzeitig mit Erscheinen der Kontroverspredigt versuchte Clauren wieder Hauff Einhalt zu gebieten und mit einer neuerlichen Anzeige auch diese zu verbieten. Diesmal wurde das Verfahren noch nicht einmal aufgenommen. Daß es Hauff mit seinem Anliegen nicht um Carl Heun als Person ging, sondern bloß um dessen Romane als literarische Erscheinung, anhand derer er sein gestecktes Ziel zu erreichen versucht, wird dadurch unterstützt, daß Hauffs Hauptvorwurf in der Kontroverspredigt gegen die Leser und nicht gegen Clauren gerichtet ist. Die Belastung Claurens Namens und des Romanes Mimili mit den Nebenvorwürfen ist für Hauff nur ein Mittel zum Zweck. Er benutzt sie als Demonstrationsobjekt.
Clauren ist für Hauff der populärste Vertreter einer sich ausbreitenden literarischen Mode, die er in ihrer Gesamtheit verurteilt. In seiner Argumentation führt Hauff anfangs ästhetische Kriterien an, an denen er Claurens Werke mißt, verfällt aber immer weiter auf einen christlich-moralischen Standpunkt, nach dem er die gesamte Sparte der Trivialliteratur verurteilt. Und dabei weist er einen geradezu missionarischen Eifer auf.
Hauff vergleicht Clauren mit anderen Autoren wie Lessing, Klopstock, Goethe, Schiller, Herder und vielen anderen "großen" Autoren, um so den qualitativen Unterschied zwischen diesen aufzuzeigen. Er wirft Clauren nicht nur einen gewöhnlichen, gemeinen Stil vor, wofür er Stellen wie "sie müsse lachen, daß sie der Bock stößt" und "das ihr das Herzchen alsbald vor Liebe puppert" anführt, sondern auch, daß es dessen Werken an Originalität fehle und seine Figuren und Handlungen schematisch und unrealistisch seien.
"[...] sein Stoff ist gewöhnlich so unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades Heiratsgeschichtchen, so breit und lange als möglich ausgedehnt, von tieferer Charakterzeichnung ist natürlich nicht die Rede; Kommerzienräte, Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge, comme il faut, etc. Die Dame des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die nach Verhältnissen kostümiert wird, hieße sie nun Mimili, Magdalis, Doralice, [...,] es bleibt dieselbe."
Er ergeht sich über mehrere Seiten über die schematische Darstellung Claurens Charaktere, seiner Natur-, Speise- und Festbeschreibungen und beschreibt die Wirkung, die dessen Stil auf den Leser hat. Was die Wirkung auf den Leser ausmache, und das beschreibt Hauff durchaus positiv als die Vorzüge Claurens Romane, das seien das "Angenehme", das "Natürliche", das "Rührende" und das "Reizende".
Mit dem "Angenehmen" meint er die ganze Art, in der die Geschichte angelegt ist. Es darf den Leser nie überfordern, alles ist gefällig, schmeichelnd, empfindsam und entzückend, auf daß es jedem sofort gefällt.
"Es ist ein ländliches Gemälde, dem die Anmut nicht fehlt, es ist eine leichte, wohltönende Sprache, die Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen, wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne schmeichelt, welche in einzelne, wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken, sonst würde die arme Seele unverständlich werden, oder die Gedanken zu sehr affizieren."
Das "Natürliche" ist für Hauff Claurens Art, mit wenigen Dingen eine klischeehafte Landschaft zu formen und mit ausschweifenden Beschreibungen von Äußerlichkeiten seiner Protagonisten einen Charakter vorzutäuschen, der eigentlich gar nicht existiert. Seine Romane sind eine Collage von Beschreibungen, die die Natur, wie sie ist, so Hauff, nur nachahmt und kopiert. Der warme Odem Gottes, der ihr Leben einhauchen würde, der aber fehlt.
"[...] die Natur ist nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, wie man sie mittels einer Camera obscura abzeichnen kann."
Das "Rührende", wie schon auf Seite 5 angeführt, sieht Hauff als eine Art Köder. Jeder lese gerne Liebesgeschichten und wie andere Menschen leiden oder das Leben genießen. Und das wäre auch ein Grund dafür, daß sich Claurens Romane so gut verkauften.
Viele Situationen in seinen Romanen erscheinen tragischer, als sie es sind. Die vom Vater auferlegte Bewährungsprobe ist nicht zwingend zugespitzt. Tränen, Leid und Tod sind lediglich retardierende Momente vor dem sicher zu erwartenden Happy End.
Das "Reizende" schließlich ist für Hauff die Kralle des Wolfs im Schafpelz.
"Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich, zu sehen, daß ihr, da unten, die Augen nicht aufschlagen könnet; es freut mich, zu sehen, daß hin und wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt; es freut mich, daß sie nicht zu lachen wagen, meine Herren, wenn ich diesen Punkt berühre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzuwohl, was ich meine."
Er bedauert die männliche Leserschaft, daß sie nichts besseres wüßte als von den gedruckten Reizen einer Frau zu lesen, noch dazu von solch gewöhnlichen, wie Clauren sie beschreibt. Die Frauen fragt er, ob es ihnen nicht peinlich wäre, zu lesen, wie die Männer nur dem weiblichen Körper huldigen, ob es nicht erniedrigend sei, mit solchen Puppen verglichen zu werden. Für ganz vermessen hält Hauff es zuletzt, daß die Leserinnen auch noch etwas von Claurens "Putz- und Toiletten-Beschreibungen" abschauen und davon lernen wollen.
Dieses "Reizende" macht Hauff entschieden zu seinem Hauptvorwurf. Er empört sich ganz ungemein über all die Stellen, in denen ein Busentuch gelupft wird oder dergleichen Haut der Lustobjekte, zu denen Clauren Hauffs Meinung nach seine weiblichen Figuren macht, zu sehen ist. Claurens Erfolg als sich gut verkaufender Autor ignoriert er gänzlich und stellt lediglich diesen einen Aspekt in den Vordergrund und erklärt Clauren zum Volksschädling, der Unmoral sät und seine Leser, um die es Hauff mit seiner guten Absicht ja geht, verdirbt.
Diese Sorgen Hauffs faßt die Oberprüfstelle für Schund- und Schmutzschriften in Leipzig 1928 in amtliche Worte. Damit ein Werk unter deren Kriterien falle, müsse es bestimmte Merkmale aufweisen. So heißt es in dieser Veröffentlichung, daß eine Schundschrift in jeder Hinsicht objektiv wertlos sein muß. Der Autor muß auf die niederen Instinkte, die Ahnungslosigkeit und die Weltfremdheit seiner Leser spekulieren. So ist es ihm möglich, dem Leser jegliche Unwahrheit, Unwahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit unterzujubeln und somit der Leserschaft, besondere Sorge trägt die Prüfstelle dabei der Jugend Schaden zufügen, und zwar in intellektueller und moralischer Hinsicht.
Betrachtet man Claurens Handlungen aber genau, dann ist auch dessen Moralanspruch sehr hoch, wenn seine Helden zuerst lüstern und zudringlich sind, sobald die Handlung aber auf die Hochzeit zusteuert, geben sie dieses Verhalten auf und halten sich zurück. An die Stelle des "Reizenden" tritt wieder das "Rührende". So preist Clauren die Enthaltsamkeit und das heilige Sakrament der Ehe, selbst wenn seine Männer auch noch so viele Affären gehabt haben.
Claurens Romane sind schließlich auch nicht, wie man das aus Hauffs Kontroverspredigt fast glauben könnte, obszön oder pornographisch sondern höchstens ein bißchen pikant.
Aber Hauff, dem sein Ruf mittlerweile schon vorauseilte, erntete, wo er seine Kontroverspredigt auch vortrug,
überall Applaus und Zustimmung.
Hauff selber war durch diese Affäre plötzlich bekannt und selber mitten im Rampenlicht. Sein eigentlich erster Roman, Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, der schon vor Der Mann im Mond bei Frankh veröffentlicht worden war, gewann noch mehr an Aufmerksamkeit und auch alle späteren Bücher verkauften sich gut.
Und selbst heute noch, über 150 Jahre später, ist Trivialliteratur-Forschung ohne Hauffs Kontroverspredigt
gar nicht denkbar.
| Mimili. Dresden: P. G. Hilscher, 1819. In: Clauren, H.: Mimili. Stuttgart: Reclam, 1984. | |
| Der Mann im Mond oder der Zug des Herzen ist des Schicksals Stimme. In: Hauff, W.: Sämtliche Werke. München: Rösl & Cie., 1923, 2. Bd. | |
| Controverspredigt über H. Clauren und den Mann im Monde, gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827. Stuttgart: Gebr. Frankh, 1827. in: Clauren, H.: Mimili. Stuttgart: Reclam, 1984. | |
| Zu Kontinuität und Geschichtlichkeit trivialer Literatur. In: Catholy, Eckehard, Hellmann, Winfried (Hg.): Festschrift für Klaus Ziegler. Tübingen, 1968. S.385-410. | |
| 'Der Zug des Herzen ist des Schicksals Stimme': Beobachtungen zur Clauren-Hauff-Kontroverse. In: Monatshefte für den deutschen Unterricht 69, 1 (1977), S.58-65. | |
| Zur Trivialisierung des Erzählens im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dissertation. Erfurt, 1985 | |
| Wer im Glashaus sitzt.... Eine Schmutz- und Schundgeschichte. In: Preußische Jahrbücher 231 (1933). S.69- 79. | |
| Claurens Einfluß auf Hauff. In: Euphorion 4 (1897). S.804-812. | |
| Wilhelm Hauff. Sein Leben und sein Werk. In: Hauff, W.: Sämtliche Werke. München: Rösl & Cie., 1923, 1. Bd. | |
| Die Fälschung der Fälschung. Wilhelm Hauff "Der Mann im Mond". In: Corino, Karl von (Hg.): Gefälscht! Nördlingen, 1988, S.251-262. | |
| 'Grundsätzliche Entscheidungen der Oberprüfstelle für Schund- und Schmutzschriften in Leipzig.' unter: "1. Begriffsbestimmung von Schmutz und Schund." In: Kosch/Nagl: Der Kolportageroman. Stuttgart und Weimar, 1993, S.309a. |