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Wie man in den Wald hineinruft…

Gestern unterhielten wir uns im Büro zufällig über störende Zeitgenossen — Jugendliche, die mit laut und verzerrt plärrendem Mobiltelefon-Musikwiedergabegerät nerven, Männer, die unentwegt auf den Boden spucken, im letzten Linienbus Rauchende, sich komplett daneben benehmende und andere Leute Belästigende — unterhalten. Wie soll man mit diesen Menschen umgehen?

Zufällig linkte VoWe ebenfalls gestern auf einen Text von Harald Martenstein von der ZEIT, der Leserbriefschreibern nun im selben Ton antwortet, in dem sie ihm schreiben:

Früher habe ich solche Briefe, wenn ich glaubte, auf sie reagieren zu müssen, in der Tonlage „eisige Höflichkeit“ beantwortet. Seit etwa einem Jahr habe ich ein neues Prinzip: Ich schreibe jeder Person in genau der Tonlage, die sie selber angeschlagen hat, dabei verschärfe ich die Tonlage meistens noch ein wenig. Nicht nur, dass ich den Netten nett antworte, den Frechen frech, den Ironischen ironisch, nein, ich antworte jetzt auch den Unverschämten unverschämt.
[...]
Nun das Erstaunliche. Früher, als ich eisig-korrekt antwortete, kam fast nie ein weiterer Brief. Nun aber, da ich Unflat auskippe, antwortet fast jeder, und zwar höflich, oft sogar nett. Die Beschimpfer lenken ein, werden sachlich, laden manchmal sogar zu einem gemeinsamen Bier ein. Habe ich sie eingeschüchtert, beschämt, umgedreht?

Quelle: Harald Martenstein: Die richtige Antwort

Leider nur, was mich angeht, hat Herr Martenstein es hier mit einer ganz anderen Leser- und Schreiberschaft zu tun, als man dies auf der Straße hat. Dort sehen die Reaktionen anders aus. Von dem Raucher im Bus erntete ich nur Hohn und dumme Sprüche, nachdem ich ihm seine Zigarettenschachtel weggenommen hatte (und beim Aussteigen wiedergegeben hatte) — Verständnis und Besserung? Weit gefehlt! Auch von den Jugendlichen an der Bushaltestelle, rotzend und Musik verplärrend, erntet man nur dumme Sprüche, meist in ordinärstem “Ghetto slang” (Ey, Alda, geh fick Dich, Arschloch! Was willste? Nerv’ nich!).

Rumweinerei im Stile von “die heutige Jugend”, “früher war alles besser”, “o tempora, o mores” oder ähnlichem könnte ich hier jetzt natürlich auffahren, tue ich ja irgendwie auch. Ich frage mich allerdings, ob ich ein Recht dazu habe, mich einzumischen? Bei den Jugendlichen, die Mädchen im Bus belästigt haben, war das Zivilcourage und musste sein. Auch beim Raucher sehe ich mich im Recht, schliesslich herrscht dort im Bus Rauchverbot. Aber der auf den Boden rotzende Mann? Muss ich die Welt verbessern? Darf ich mich da einmischen? Begebe ich mich in Gefahr, ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen?

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4 Kommentare ↓

#1 Nele schrieb am 2007-07-20 um 20:04 Uhr:

Über die Martenstein-Kolumne sind ja auch schon in den dazugehörigen Kommentaren wilde Diskussionen entbrannt. Seine Quintessenz finde ich übrigens bemerkenswert: Je unverschämter die Antwort seinerseits, desto freundlicher die Rückantwort des pöbelnden Leserbriefschreibers.
Tatsächlich ist es aber unwahrscheinlich, dass das mit den Busrauchern, Mädelsanmachern und Aufdenbodenspuckern ähnlich funktioniert. Als Servicemädel in der Gastro krieg ich die Leute auch oft genug am eigenen Leib zu spüren, und eins habe ich daraus gelernt: Auf die “Jugend von heute” kann man’s nicht schieben. Oft genug ist es auch die Generation 30+, an denen sich die Jugendlichen diesbezüglich eine gute Scheibe abschneiden kann…

#2 Christoph Rummel schrieb am 2007-07-21 um 09:37 Uhr:

Genau, das meinte ich ja auch, dass man es hier mit einer komplett anderen Art von Leuten zu tun hat.

#3 Dagmar Winter schrieb am 2007-07-30 um 08:18 Uhr:

Hi ihr beiden,
@Nele, ich kann dir nachfühlen, da ich selbst über 20 Jahre im Gastro-Bereich arbeitete.
@Christoph: ich kenn dich ja, ich würde mich nicht trauen, dir ans Schienbein zu treten, da ich das Echo weniger vertragen würde. Dementsprechend würde ich mir das mit der Schachtel wegnehmen auch verkneifen, es könnte sich negativ auf meine Gesundheit auswirken.
Mein Fazit:
Lächeln ist die schönste Art, jemand die Zähne zu zeigen.
Denken tu ich: ich wünsche dir das Doppelte, wie du mir.
LG
Daggi

#4 Wolf Hellus schrieb am 2007-07-31 um 02:48 Uhr:

Wir schreiben das Jahr 2003.
Ich bin in Offenburg und habe vor über Zugverbindungen nach Bremen zu kommen um meinen ältesten Sohn zu besuchen, also einmal quer durch Deutschland. Bereits am Bahnhof in Offenburg ging es los das Jugendliche jede Menge Ärger am Bahnsteig gemacht haben was sich während der Fahrt auch nicht unbedingt geändert hat. Der große Knall jedoch kam am Ende in Bremen. Aufgrund dessen das die Fußballmannschaft SV Werder Bremen ein Heimspiel hatte waren die Züge bereits lange vor Bremen mit betrunkenen und durchgeknallten überfüllt, was mich jedoch vorerst kaum störte denn Spaß muß sein. In Bremen angekommen wohin das Auge blickte Polizei, BGS, Fußballfans und zu allem Übel randalierende Punks da in der Stadt ein Aufmarsch irgendeiner rechten Partei war. Und ich halt mittendrin und das auch noch ungewollt. Freundlich wie ich bin drängelte ich mich möglichst höflich durch die Menschenmassen an Polizei etc. vorbei und verpasste fast meinen Bus. Das tolle war der Bus den ich fast verpaßt hatte und in dem ich nun saß war der falsche denn er fuhr nach Bremen Neustadt und nicht wie ich eigentlich vor hatte nach Delmenhorst.Nebenbei ist Neustadt ein nicht gerade tolles Viertel. Dort angekommen versuchte ich Möglichkeiten zu finden wieder zum Hauptbahnhof zu kommen. Da die Fahrplanaushänge nicht vorhanden oder zerstört waren sprach ich eine junge Frau an ob sie mir vielleicht helfen könne indem sie mir sagt wann und wie ich wieder nach Bremen komme. Und nun ging der Ärger los: Ich habe noch nicht ganz ausgesprochen da kam ein ca. 185cm großer, ungefair 18-20 Jahre alter Typ auf mich zu und fragte mich auf eine sehr aggressive Art und Weise was mir denn einfiele seine “Perle” dumm anzuquatschen und ob ich überhaupt wüßte was das für mich bedeuten kann wenn ich jetzt was falsches sage. Nun an meinem Dialekt stellte er recht schnell fest das ich nicht von dort bin und ich sollte gefälligst vernünftig mit ihm reden und nicht son unverständlichen Quatsch von mir geben….
Nach kurzen Erklärungsversuchen meinerseits war für mich klar das es den jungen Herren nur wenig interessierte denn er hat nur ein wenig Streit gesucht. Nach etwa 9 Stunden Zug- und Busfahrt ist man nicht wirklich in der Lage bei einem solchen Typen ruhig zu bleiben. Also holte ich zu einem letzten verzweifelten verbalen Schlag gegen diesen Kerl aus und versuchte ihm klar zu machen das ich nun doch gerne weiter möchte und drängelte mich an ihm vorbei. Er fasste diese Aktion als körperlichen Angriff auf und rief ziemlich laut in eine Richtung aus der sich kurz darauf recht zügig zwei weitere junge Leute näherten. Nun standen vor mir 3 offenbar total behämmerte und sehr aggressive Kerle die mit mir ganz sicher keine Diskussion anfangen wollten. Ich versuchte natürlich mit denen zu reden aber da fing das rumgeschubse bereits an, ihr Pech war das ich in den 46 Jahren meines Lebens ungefair 25 mit Amateurboxen verbracht habe und demnach gut einstecken kann…
Das Ende vom Lied war das die Polizei auftauchte die von einem Anwohner alarmiert wurde und ich die nächsten 2,5 Std auf dem Revier verbrachte. Der Junge Kerl mußte medizinisch versorgt werden da sein Nasenbein meinem Schlag nicht standhalten konnte, die anderen beiden kamen mit blauen Flecken und Anzeigen wegen Körperverletzung davon. Ich hatte auf dem Revier die Möglichkeit eben zu telefonieren und wurde um etwa 22:30Uhr von meinem Sohn abgeholt. Ich trug aus der dieser Sache ein blaues Auge, eine Prellung und ein weiteres Stück Lebenserfahrung heraus. Seit diesem Ereignis ziehe ich es vor zu fliegen…
So viel zur Jugend von heute, nicht einmal eine einfache simple Frage darf gestellt werden. Da macht es mich doch ausgesprochen glücklich das ich meine beiden Jungs bisher so gut erziehen konnte, das sie sich weder provozieren lassen durch irgendwelche Idioten noch selbst Streitereien anfangen oder gar Gewaltbereitschaft zeigen.

Gruß

Wolf Hellus

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